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(15.02.2010) Neues Deutschland

»Harakiri« – Aus für Nazi-Kleiderkammer

Berüchtigtes Geschäft in Prenzlauer Berg geschlossen / Andere bei Rechten beliebte Läden in Berlin aber noch geöffnet

Der Laden ist dicht. Berlins ältester Neonazi-Shop »Harakiri« hat seine Pforten geschlossen – nach Informationen der Emanzipativen Antifaschistischen Gruppe (EAG) aus wirtschaftlichen Gründen.

Über 15 Jahre existierte das Geschäft des Inhabers Henry Harms in der Bornholmer Straße und zuvor bis 2001 am S-Bahnhof Prenzlauer Allee. Harms, der auch schon mal die Namen und Adressen von vermeintlichen Antifaschisten im Internet veröffentlichte, vertrieb in seinem Laden nicht nur die bei Rechten beliebte Marke »Thor Steinar«, sondern auch indizierte Tonträger der Neonazi-Bands »Screwdriver«, »Spreegeschwader« und »Blue Eyed Devils«.

»Wir sind froh, dass diese Anlaufstelle für Leute, die sich für die Nazi-Szene interessieren, jetzt weg ist«, sagt Martin Stein von der EAG. Denn in dem Laden hätten auch immer Flyer und Plakate ausgehangen, die für Aktionen der Neonazis warben. Überdies sei der »Harakiri« ein Ort gewesen, von dem dauernd Gefahr für Linke, Migranten und Homosexuelle ausgegangen wäre. Ganz aufgegeben scheint Harms allerdings nicht zu haben. Sein Internetshop besteht weiter, und auch bei eBay soll er seinen Handel fortführen.

Während Harms nie einen Hehl aus seiner rechtsextremen Gesinnung machte, sieht das bei »Thor Steinar« anders aus. Die Firma Mediatex aus dem brandenburgischen Zeesen, die die Marke »Thor Steinar« produziert, distanziert sich öffentlich von jedwedem Extremismus. In der rechten Szene sind die Klamotten dennoch wegen ihrer subtilen Codes beliebt.

Trotz ausgesprochener Kündigungen durch die Vermieter sind die beiden Berliner »Thor Steinar«-Läden in der Rosa-Luxemburg-Straße in Mitte und der Petersburger Straße in Friedrichshain zur Zeit noch geöffnet. Der zunächst große Widerstand aus der Zivilgesellschaft gegen die Geschäfte ist jedoch nur scheinbar eingeschlafen. »Die Räumungsklage gegen den ›Tromsø‹ läuft seit Oktober 2009«, berichtet Markus Roth von der Friedrichshainer Initiative gegen Rechts (IGR). Der Vermieter habe sich zuvor in Ruhe erst mal bundesweit über die rechtliche Situation schlau gemacht.

Denn anders als etwa in Mitte habe nämlich die Mediatex im Fall des Friedrichshainer »Tromsø« nicht verschwiegen, dass sie die bei Rechten beliebte Marke verkaufen will. Auf dieser Basis wurde in anderen Fällen wegen »arglistiger« Täuschung die Kündigung erwirkt.

Ob dieses Vorgehen Bestand hat, soll demnächst in letzter Instanz der Bundesgerichtshof entscheiden, der über eine Räumung eines »Thor Steinar«-Ladens in Magdeburg zu befinden hat, berichtet Annika Eckel von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR). Bis dahin scheuen Vermieter Räumungen, da sie Regressforderungen befürchten. Damit künftig erst gar keine solche Läden in Berlin öffnen können, hat die MBR extra Klauseln für Gewerbemietverträge entwickelt, die derzeit durch die Stadträte in den jeweiligen Bezirken bei Vermietern verbreitet werden. Das Interesse an diesen Informationen sei groß, sagt Eckel.

In Friedrichshain bereitet die Initiative gegen Rechts derweil für Ende Februar eine antifaschistische Demonstration zur einjährigen Eröffnung des »Tromsø« vor. Doch nur mit Mitteln der Straße sei den Geschäften nicht beizukommen, räumt Markus Roth von der IGR ein. Deshalb konzentriere sich die Initiative gleichzeitig zusätzlich darauf, die Geschichte des Hauses, in dem der Klamottenladen residiert, in den Fokus zu rücken: Das Gebäude in Friedrichshain diente in den 1930er Jahren der SA als Sturmlokal »Keglerheim«. Im Keller wurden Gegner der Nazis gefoltert und gequält.

(Martin Kröger)

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