Antisemitismus in Berlin weiterhin alltagsprägend: RIAS Berlin-Bericht über das 1. Halbjahr 2019

PRESSEMITTEILUNG

 

Antisemitismus in Berlin weiterhin alltagsprägend:
RIAS Berlin-Bericht über das 1. Halbjahr 2019

Berlin (26.09.2019) – Der Antisemitismus in Berlin bleibt auf besorgniserregendem Niveau. Jeden Tag erfährt die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) im Schnitt von über zwei antisemitischen Vorfällen, wie aus dem heute veröffentlichten Bericht antisemitischer Vorfälle Januar-Juni 2019 hervorgeht. 

Im ersten Halbjahr erfasste RIAS Berlin 2019 insgesamt 404 antisemitische Vorfälle. Damit setzte sich der starke Anstieg des Vergangenen Jahres nicht fort. Dennoch bleibt die Zahl der Fälle mit besonderem Gefährdungspotential für die Betroffenen hoch: So registrierte RIAS Berlin 13 Angriffe und 20 Bedrohungen, mehr als etwa 2016 oder 2017. Der vollständige Bericht kann online hier eingesehen werden.

Von Angriffen, Bedrohungen, gezielten Sachbeschädigungen gegen privates Eigentum sowie verbalen und schriftlichen Formen des verletzenden Verhaltens waren insgesamt 110 Einzelpersonen betroffen. So wurde im Januar in Mitte einer Frau, die im Bus am Telefon Hebräisch sprach, von einem Mann die Mütze so gewaltvoll vom Kopf gezogen, dass die Betroffene beinahe von ihrem Sitz fiel. Im Mai wurde in Friedrichshain-Kreuzberg eine weitere Frau, die ebenfalls auf Hebräisch telefonierte, in der U-Bahn als „Yahud“ und „Babymörder“ beleidigt. Im Juni wurden in Pankow ein Kippa tragender Mann und seine Mutter als „Yahudi“ beschimpft und angespuckt.

Insbesondere bei Online-Vorfällen gab es einen deutlichen Rückgang von 40 %. Die Anzahl der Vorfälle von Angesicht zu Angesicht und im öffentlichen Raum (224) ging auf das Niveau von 2017 zurück (221; 2018: 280). Während in fast allen politischen Spektren die Vorfallszahlen zurückgingen, verzeichnete RIAS Berlin eine gleichbleibend hohe Anzahl antisemitischer Vorfälle von rechts (120).

RIAS Berlin-Projektleiter Benjamin Steinitz erklärte: „Trotz der niedrigeren Gesamtzahl von antisemitischen Vorfällen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum prägt das antisemitische Grundrauschen den Alltag in Berlin. So sind weiterhin gerade Personen, die als jüdisch erkennbar sind, von Anfeindungen betroffen. Im Vergleich zu 2016 und 2017 ist die Anzahl von Angriffen und Bedrohungen gestiegen – nach der starken Zunahme 2018 befinden wir uns weiterhin auf einem hohen Niveau.“

 

Weitere O-Töne:

Anetta Kahane – Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung: „Der gesellschaftliche Rechtsruck ist eine handfeste Bedrohung für das jüdische Leben in Deutschland – nicht erst seit dem Rechtsterrorismus des NSU. In Zeiten von Todeslisten und konkreten Anschlagsplänen bedarf es von der gesamten Gesellschaft einer klaren Abgrenzung gegen Rechtsextremismus und jede Form von Antisemitismus.“

Bianca Klose – Projektleiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) und Geschäftsführerin des Vereins für demokratische Kultur in Berlin (VDK) e.V.: „Die Halbjahreszahlen von RIAS Berlin zeigen die anhaltend hohe Relevanz von rechten Antisemitismus. Die Vorfälle sind der menschenverachtende Ausdruck des sich fortsetzenden Rechtsrucks in der deutschen Gesellschaft, der durch die rechtspopulistischen Stichwortgeber weiter befeuert wird. Gerade in diesen Zeiten sind alle demokratisch Engagierten gefordert, weiter eine klare Haltung gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus zu zeigen und angesichts der Anfeindungen und Bedrohungen unmittelbare praktische Solidarität mit den Betroffenen zu üben.“

Lorenz Korgel – Ansprechperson des Landes Berlin für Antisemitismus: „Antisemitismus bleibt ein gravierendes Problem, mit dem wir uns in Berlin nicht abfinden dürfen. Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist weiterhin auf einem hohen Niveau. Wenn jetzt die Anzahl gemeldeter Vorfälle im Vergleich zum Vorjahr etwas geringer ausfällt, ist dies keineswegs ein Grund zur Entwarnung. Wir wissen, dass antisemitische Konjunkturen jederzeit und sehr kurzfristig einen drastischen Anstieg der Vorfallzahlen zur Folge haben können. Dank RIAS Berlin können wir diese Entwicklungen besser einschätzen und auch unsere inhaltliche Einordnung von antisemitischen Vorfällen präzisieren.“

 

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) wurde im Januar 2015 durch den Verein für Demokratische Kultur in Berlin (VDK) e.V. gegründet. Sie wird gefördert durch das Berliner Landesprogramm gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Anti-Diskriminierung und die Amadeu Antonio Stiftung. Ziel von RIAS Berlin ist eine zivilgesellschaftliche Erfassung antisemitischer Vorfälle und die Vermittlung von Unterstützungsangeboten an die Betroffenen.

KONTAKT

Email: presse@report-antisemitism.de

Tel.: 030 – 817 985 818

RIAS Berlin ist ein Projekt des Vereins für demokratische Kultur in Berlin e.V.

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