Berliner Zustände 2019: Pädagogischer Umgang mit antimuslimischem Rassismus

„Als ich in der 9. Klasse gemeinsam mit meiner besten Freundin beschlossen hatte, ein Kopftuch zu tragen, hat mich meine Lehrerin am ersten Tag in der Schule mit Tuch in der Pause zur Seite genommen und gefragt, warum ich denn nun das Kopftuch tragen würde, ob mein Vater oder mein Bruder mich zwingen würde, und dass sie es ja so schade finden würde, weil ich doch so schöne Haare hätte. Ich habe zuerst gar nicht verstanden, was sie von mir wollte. Ich habe mich alleine dazu entschieden, ein Kopftuch zu tragen, meine ältere Schwester trägt zum Beispiel kein Tuch. Das bedeutet aber nicht, dass sie weniger gläubig ist.“

Im Laufe des Workshops erzählte die Schülerin, dass die Lehrerin im Laufe des Schuljahres immer wieder Druck ausgeübt und versucht habe, sie zu überzeugen, dass sie das Tuch doch auch abnehmen könne. ufuq.de führt seit 2011 Workshops in Schulen und Jugendeinrichtungen zur Auseinandersetzung mit Fragen zu Religion, Identität und Zugehörigkeit durch und fördert die Teilhabe von Jugendlichen und insbesondere jungen Muslim*innen in der Gesellschaft.

In diesen Workshops, bei denen die Lehrer*innen in der Regel nicht anwesend sind, soll ein Rahmen geschaffen werden, in dem Jugendliche ihre Erfahrungen mit Rassismus schildern. Zugleich kommt es immer häufiger vor, dass sich Schüler*innen selbst in den Workshops unmissverständlich antimuslimisch-rassistisch äußern.

Das eingangs beschriebene Erlebnis und ähnliche diskriminierende und verletzende Situationen schildern Jugendliche, die von der Gesellschaft als „anders“ und „muslimisch“ markiert werden, in unseren Workshops immer wieder. Dass diese Situationen keine Seltenheit sind, belegen auch die Zahlen und Einschätzungen verschiedener Studien. So nahm die Antidiskriminierungsbeauftragte in Berlin für das Schuljahr 2018/2019 54 Diskriminierungen in Schulen auf, die einen antimuslimisch-rassistischen Hintergrund hatten. Das ergab eine kleine Anfrage der Partei Bündnis 90/Die Grünen an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie im Juli 2019. Demnach sei davon auszugehen, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist, da die wenigsten Vorfälle von Diskriminierung gemeldet würden. In unseren Workshops arbeiten junge Teamer*innen zu Themen von Religion und Religiosität, Rassismus, Diskriminierungen, Identität und zu der Frage, wie wir eigentlich zusammenleben wollen. In diesen Workshops, bei denen die Lehrer*innen in der Regel nicht anwesend sind, soll ein Rahmen geschaffen werden, in dem Jugendliche ihre Erfahrungen mit Rassismus schildern. Zugleich kommt es immer häufiger vor, dass sich Schüler*innen selbst in den Workshops unmissverständlich antimuslimisch-rassistisch äußern. Das reicht von Aussagen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, über die Abwertung von Geflüchteten bis zu einer klaren Positionierung einiger Schüler*innen als „Islamfeinde“.

Antimuslimischer Rassismus. Eine theoretische Herleitung

Das eingangs geschilderte Erlebnis steht exemplarisch für Erfahrungen, die viele Schüler*innen in der Schule machen. Sie werden als Muslim*innen identifiziert, und ihr soziales Verhalten wird laut der Historikerin Yasemin Shooman „vorrangig oder gar ausschließlich aus der Gruppenzugehörigkeit und den damit verbundenen unterstellten Eigenschaften abgeleitet“. Die Wahrnehmung der Lehrkraft ist dabei oft geprägt vom Stigma der unterdrückten muslimischen Frau*, von dem diese sich erst durch die Enthüllung des weiblichen Körpers befreien könne. Statt die Vielfalt von Muslim*innen zu sehen, wird ein polarisiertes, starres und rückständiges Bild gezeichnet. Die Bildung von negativen Assoziationsketten in Bezug auf muslimisches Leben wird dabei durch öffentliche Diskurse und Berichte über Terror, Kriminalität und Unterdrückung unterstützt, die im vermeintlichen Zusammenhang mit muslimischer Religiosität stehen.
Halbwissen, Vorurteile und antimuslimischer Rassismus sind weit verbreitet. Davon betroffen sind alle, die als muslimisch markiert und wahrgenommen werden. Laut dem „Religionsmonitor” der Bertelsmann-Stiftung empfinden rund 52 Prozent der Befragten den Islam als bedrohlich. Zudem stimmten 2018 etwas mehr als ein Drittel der in der Studie „Verlorene Mitte, Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland“ Befragten der Aussage zu, „durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“.

Häufig werden Menschen dabei nicht nur als Angehörige einer Religion wahrgenommen, es findet zudem eine Islamisierung von Migrant*innen statt.

Wie Shooman betont, werden im antimuslimischen Rassismus Muslim*innen und als solche markierte aus einer dominanten gesellschaftlichen Position heraus, rassifiziert, also „als eine homogene quasi-natürliche Gruppe“ konstruiert. Muslim*innen werden so, unabhängig von ihrem subjektiven Glauben, als Gegenbild zu weißen Europäer*innen gesehen und mit gruppenbezogenen Zuschreibungen versehen. Häufig werden Menschen dabei nicht nur als Angehörige einer Religion wahrgenommen, es findet zudem eine Islamisierung von Migrant*innen statt. Diese Wahrnehmung führt in der Konsequenz dazu, dass Muslim*innen durch verschiedene Begriffe kategorisiert werden.

Namen, Akzente und äußerliche Merkmale wie schwarze Haare oder ein Kopftuch werden als Erkennungsmerkmal für eine vermeintlich fremde Herkunft verstanden. Dabei wird dem „Westen“ ein kulturelles Gegenbild eines „fremden“ und „unzivilisierten“ Islam gegenübergestellt. Das hat seinen Ursprung in einer orientalistischen Tradition, die nach Iman Attia, Professorin für Rassismusforschung und Kritische Diversity Studies, auch über die Zeit des Kolonialismus hinaus Wirkung zeigt. „Islamische Kultur“ wird als starr und einfältig im Gegensatz zur „westlichen“ bzw. „christlich-abendländischen Kultur“ dargestellt, ihr untergeordnet und damit abwertet. Diese Unterordnung führt dazu, dass das positive Selbstbild der „christlich-abendländischen Kultur“ gefestigt und die Wahrnehmung von Muslim*innen als „die Anderen“ vorangetrieben wird. Mit dieser Wahrnehmung geht eine Ausgrenzung und Marginalisierung einher, weshalb der antimuslimische Rassismus nicht nur eine individuelle Einstellung ist, sondern zugleich für ein soziales Verhältnis in einer Gesellschaft beschreibt.
Die Wirkmächtigkeit solcher sogenannten Fremdmachungsprozesse (othering) zeigt sich in der eingangs beschriebenen Situation der Schülerin, die aufgrund von Zuschreibungen dazu genötigt wird, sich selbst zu rechtfertigen und ihre Entscheidung gegen die Erwartungen der Lehrkraft durchzusetzen. So wird durch das Einwirken der Lehrerin nicht nur ihre Entscheidungsfähigkeit infrage gestellt, sondern vielmehr ihre Identität und Lebensrealität als falsch und rückschrittlich dargestellt.

Grenzen und Möglichkeiten der pädagogischen Arbeit

Der Umgang mit Rassismuserfahrungen und rassistischen Aussagen von Jugendlichen ist zwangsläufig abhängig von der Situation und dem jeweiligen Kontext. Ausgehend von den Workshops, die wir seit 2011 in zahlreichen Schulen mit sehr heterogenen Lerngruppen durchgeführt haben, lassen sich einige Erfahrungen zusammenfassen, die für den pädagogischen Umgang mit antimuslimischem Rassismus hilfreich sind.
So bestätigen die Beobachtungen aus den Workshops die Empfehlungen aus der Fachliteratur. Es ist für Jugendliche leichter, sich zu öffnen und ihre Rassismuserfahrungen zu teilen, wenn das Gespräch von Peers moderiert wird. Der Peer-to-Peer-Ansatz beinhaltet, dass Menschen mit der Zielgruppe arbeiten, die entweder ähnlichen Alters sind oder ähnliche Erfahrungswelten haben. So kann eine lebensweltliche Nähe hergestellt werden. Dies belegt auch die externe Evaluation unserer Workshops durch Camino in 2017.

Die explizite Beschreibung einer Situation oder Handlung als rassistisch kann aber durchaus auch bestärkend wirken, weil sie persönliche Erfahrungen benennt und sie zugleich als Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems sichtbar macht, für das die von Rassismus betroffene Person keine Verantwortung trägt.

Häufig beobachten wir in Workshops, dass Schüler*innen diskriminierende Situationen oder Äußerungen nicht immer als solche erkennen, sie nicht einordnen können oder ihnen die Sprache fehlt, um Rassismus auch als solchen zu benennen. Sie empfinden dann häufig nur ein Unbehagen in der Situation, ohne diese als explizit rassistisch erfassen zu können. Dabei ist es wichtig abzuwägen, aus welchen Gründen die Situation nicht als rassistisch benannt wird. So bietet die Nicht-Thematisierung von Rassis­muserfahrungen die Möglichkeit, die eigene Betroffenheit auszublenden, und sollte als Handlungsstrategie zunächst anerkannt werden. Sie gibt jungen Menschen die Möglichkeit, sich nicht in der Opferrolle befinden zu müssen. Die explizite Beschreibung einer Situation oder Handlung als rassistisch kann aber durchaus auch bestärkend wirken, weil sie persönliche Erfahrungen benennt und sie zugleich als Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems sichtbar macht, für das die von Rassismus betroffene Person keine Verantwortung trägt. Gerade weil Rassismus in Deutschland als solcher noch immer zu selten benannt wird, sollten Jugendliche ermutigt werden, entsprechende Erfahrungen sichtbar zu machen.

Die Vermittlung von Wissen darüber, wie Rassismus funktioniert, und den Begriff mit Inhalten zu füllen, wirkt bestärkend und ist Voraussetzung dafür, ihm entgegenzutreten. Wer, wie die Erziehungswissenschaftlerin Maisha-Maureen Aumabeschreibt, „Rassismus als System [versteht, das] aus alltäglichen Wahrnehmungshilfen, aus Wahrnehmungsfiltern [besteht], die unsere Einschätzung sozialer Gehalte und Situationen lenken und somit strukturieren“, kann seine*ihre eigene Wahrnehmung sensibilisieren.
In der Bedarfsermittlung „Demokratie in der Mitte“ aus dem Jahr 2016 zu den Themen Demokratie, Teilhabe, Diskriminierung und Rassismus bei Jugendlichen in Moabit wurde festgehalten, dass durchaus ein Bewusstsein bei den Jugendlichen in Bezug auf die eigenen Rechte, ihre Stimme und Wichtigkeit vorhanden ist. Vielmehr „kennen sie jedoch nicht die bestehenden Möglichkeiten zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Teilhabe bzw. haben keinen Zugang zu diesen“. Auch die Kenntnis über Rechte, Unterstützungsangebote und Handlungsmöglichkeiten ist wichtig, damit Jugendliche ihre Handlungsspielräume erweitern können. Vor allem in Großstädten ist das Angebot an Beratung, Begleitung und Unterstützung groß. Von selbstorganisierten Empowermentgruppen (auch für Jugendliche) über Theater oder Poetry Slams, bis hin zur Rechtsberatung finden sich zahlreiche Angebote. Diese zu kennen und zu nutzen, kann Betroffenen dabei helfen, neue Kraft zu schöpfen. Auch gilt es die Solidarität, gegenseitige Unterstützung und Verantwortung unter Betroffenen zum Beispiel in Form von kritischen Interventionen zu schulen.

Diskriminierungen erkennen, benennen und vermeiden

Die Thematisierung von Rassismus und Rassismuserfahrungen in heterogenen Schulklassen birgt aber auch Risiken. Auch in unseren Workshops bestehen die Gruppen aus Jugendlichen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Lebensrealitäten und gesellschaftlichen Positionierungen. Diese vielfältigen Erfahrungen sollten in der Gestaltung von Workshops oder Unterricht mitgedacht werden, da zum einen betroffene Schüler*innen zu Wort kommen sollten, um ihren Erfahrungen Raum zu geben.

Auch sollten Zuschreibungen einzelner Schüler*innen durch Lehrkräfte vermieden werden, da einzelne Schüler*innen nicht als Vertreter*innen einer vermeintlich homogenen Gruppe angesprochen werden sollen. Trotzdem sollen Schüler*innen die Möglichkeit erhalten, über ihre Erfahrungen mit antimuslimischem Rassismus zu sprechen – zum Beispiel als eine Muslimin, die eine Kopfbedeckung trägt.

Zum anderen können aber diskriminierende und rassistische Aussagen von Schüler*innen als Reaktion auf die geschilderte Erfahrung eine erneute Verletzung hervorrufen. Hierfür ist es hilfreich, gemeinsam mit der Gruppe Regeln und Grenzen zu erarbeiten. Durch die Formulierung klarer, gemeinsam festgelegter Regeln können Reaktionen und Sanktionen besser begründet werden.
Auch sollten Zuschreibungen einzelner Schüler*innen durch Lehrkräfte vermieden werden, da einzelne Schüler*innen nicht als Vertreter*innen einer vermeintlich homogenen Gruppe angesprochen werden sollen. Trotzdem sollen Schüler*innen die Möglichkeit erhalten, über ihre Erfahrungen mit antimuslimischem Rassismus zu sprechen – zum Beispiel als eine Muslimin, die eine Kopfbedeckung trägt. Dieses erfordert eine gewisse Sensibilität bei den Pädagog*innen, die nicht immer einfach ist.

Um Rassismus und Diskriminierung an der Schule präventiv zu begegnen, muss die Problematik kontinuierlich mitgedacht und müssen Maßnahmen nachhaltig verankert werden. Jährliche Projekttage oder -wochen genügen dabei zumeist nicht, um Betroffene ausreichend zu stärken und Lehrkräfte zu sensibilisieren und fortzubilden. Gemeinsam, zum Beispiel im Rahmen der Schüler*innenvertretung, können Antidiskriminierungsvereinbarungen erarbeitet und eine unabhängige Beschwerdestelle oder Vertrauensperson ernannt werden. Schüler*innen sollten darüber aufgeklärt werden, dass es für von Diskriminierung/Rassismus Betroffene Gesetze, Regeln und Unterstützungsangebote gibt. Außerschulische Angebote bieten zudem die Möglichkeit, sich zugehörig zu fühlen, sowie Raum zum Empowerment.
Von Rassismus betroffene Schüler*innen benötigen Lehrkräfte, denen sie sich anvertrauen können. Es ist daher notwendig, (antimuslimischen) Rassismus als Thema schon im Rahmen von Lehramtsstudiengängen als festen Bestandteil zu implementieren. Nach der Ausbildung können kontinuierliche (verpflichtende) Fortbildungen zum Thema rassismuskritischer Bildung Lehrer*innen zu einer kritischen Hinterfragung der eigenen Machtpositionen sowie zu einem Perspektivwechsel anregen. Sie ersetzen jedoch nicht Diversität im Kollegium.

Fehlende Pluralität unter den Lehrkräften bedeutet laut der Erziehungswissenschaftlerin Anja Steinbach auch, dass Rassismen und andere Diskriminierungsformen im Schulleben Gefahr laufen, unerkannt zu bleiben, weil sie als Wahrnehmungsfilter Teil der alltäglichen Unterrichtspraxis bleiben.

Dimensionen von institutionellem Rassismus sollten dabei mitgedacht werden. Institutioneller Rassismus beschreibt das Mitwirken von zentralen gesellschaftlichen Institutionen an rassistischer Diskriminierung, wie zum Beispiel im Bildungssektor. Dieser wirkt sich auch auf die Zusammensetzung des Kollegiums aus. Fehlende Pluralität unter den Lehrkräften bedeutet laut der Erziehungswissenschaftlerin Anja Steinbach auch, dass Rassismen und andere Diskriminierungsformen im Schulleben Gefahr laufen, unerkannt zu bleiben, weil sie als Wahrnehmungsfilter Teil der alltäglichen Unterrichtspraxis bleiben. Denn „Diskriminierungen sind nach dem Meldeverfahren für Unterstützung gemäß den Notfallplänen keine Meldekategorie“ an Berliner Schulen, bestätigte die Senatsverwaltung im Juli 2019 auf Anfrage der Grünen. Diversität, sowohl innerhalb der Schüler*innenschaft, als auch unter den Lehrkräften, ist eine wichtige Voraussetzung, um gesellschaftlicher Pluralisierung überhaupt gerecht zu werden. Darüber hinaus können Lehrer*innen, die marginalisierten Gruppen angehören, Schüler*innen aus eben jenen Gruppen eine Identifikationsfläche anbieten.

Dabei sind in der Regel auch intersektionale Perspektiven mitzudenken, um unterschiedliche Zugehörigkeiten und Diskriminierungserfahrungen der Schüler*innen zu berücksichtigen. So ist die Schülerin in unserem beschriebenen Beispiel sowohl Muslimin als auch weiblich und kommt zudem möglicherweise aus einer bürgerlichen Familie. Der Blick auf die verschiedenen Zugehörigkeiten der Schüler*innen erweitert den Blick und macht eine schablonenhafte Betrachtung schwieriger.

Lehrer*innen haben häufig wenig Zeit oder keine passenden Räume, um sich mit Rassismen auseinanderzusetzen. Um allerdings ein inklusives Lernklima zu schaffen, ist die Selbstreflexion in Bezug auf Diskriminierung und Rassismus unbedingt erforderlich.

Das Besprechen von Rassismus und anderer Formen von Diskriminierung in heterogenen Gruppen kann aber auch eine große Chance für den Austausch der Schüler*innen untereinander bieten. So können Schüler*innen Unterschiede und Gemeinsamkeiten beim Erleben von unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen erkennen, was wiederum Solidarität und Verständnis füreinander schaffen kann.

Reflexion und Empowerment fördern

In der Schule nehmen wir wahr, dass Lehrkräfte überfordert und verunsichert sind, wenn sie im Unterricht mit rassistischen Aussagen konfrontiert sind, aber auch wenn Schüler*innen eigene rassistische Erlebnisse schildern. Wichtig ist, dass Pädagog*innen die Schilderungen ernst nehmen und zuhören. Lehrer*innen haben häufig wenig Zeit oder keine passenden Räume, um sich mit Rassismen auseinanderzusetzen. Um allerdings ein inklusives Lernklima zu schaffen, ist die Selbstreflexion in Bezug auf Diskriminierung und Rassismus unbedingt erforderlich. In unserem am Anfang beschriebenen Beispiel könnte das heißen, dass die Lehrerin sich fragt, was das Kopftuch bei ihr auslöst und warum sie so auf die Schülerin reagiert.

Eine rassismuskritische Pädagogik sollte gesellschaftliche Ausschlüsse und Unterdrückungsformen in den Blick nehmen und Jugendlichen, die von Diskriminierung und Rassismus betroffen sind, Raum zur Reflexion und Teilhabe geben. Nicht-diskriminierte Jugendliche (und Kolleg*innen) sollten dahingehend unterstützt werden, sich mit ihrer eigenen Machtposition kritisch zu befassen.

Dies ist auch eine rechtliche Frage, so ist beispielsweise in § 2 des Berliner Schulgesetz festgeschrieben, dass Schüler*innen das Recht auf diskriminierungsfreie Bildung haben. Schulen stehen folglich in der Verantwortung, ein möglichst diskriminierungsarmes Lernumfeld für ihre Schüler*innen zu schaffen. Leider fehlt es bis jetzt an konkreten Durchsetzungsmöglichkeiten dieses Rechts. Der Praxisleitfaden zum Abbau von Diskriminierung in der Schule der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gibt weitere Hinweise zu Handlungsmöglichkeiten für Schulen.

Eine rassismuskritische Pädagogik sollte gesellschaftliche Ausschlüsse und Unterdrückungsformen in den Blick nehmen und Jugendlichen, die von Diskriminierung und Rassismus betroffen sind, Raum zur Reflexion und Teilhabe geben. Nicht-diskriminierte Jugendliche (und Kolleg*innen) sollten dahingehend unterstützt werden, sich mit ihrer eigenen Machtposition kritisch zu befassen. Im Unterrichtskontext ist es notwendig, Rassismuserfahrungen ernst zu nehmen und Betroffenen zuzuhören. Darüber hinaus ist hilfreich, auf außerschulische Angebote aufmerksam zu machen. Kinder- und Jugendeinrichtungen sowie Sportvereine bieten Angebote zur Förderung von Selbstwirksamkeit und Teilhabe an. Jugendliche und insbesondere von Rassismus betroffene Jugendliche, die in ihrem Alltag wenig Erfolgserlebnisse erfahren, benötigen Empowerment-Räume, um ihre Persönlichkeit und Identität in vorurteilsfreier Atmosphäre bilden zu können.

 

Literatur:

Attia, Iman (2009). Die ‚westliche Kultur‘ und ihr Anderes: zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Bielefeld: transcript Verlag

Auma, Maisha (2017). Dossier Rassismus. Online verfügbar: https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/223738/rassismus (Stand 24.03.2020)

Foitzik, Andreas; Holland-Cunz, Marc; Riecke, Clara (2019). Praxisbuch Diskriminierungskritische Schule. Weinheim/Basel: Beltz

Steinbach, Anja (2015). Forschungen zu Sichtweisen von Lehrpersonen im Kontext der Schule in der Migrationsgesellschaft. Zur Konstruktion einer schulischen ‚Nicht-Passung‘ von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. In: Leiprecht, Rudolf/Steinbach, Anja (Hg.): Schule in der Migrationsgesellschaft. Band II: Sprache – Rassismus – Professionalität. Schwalbach Ts.: debus. S. 335-367

Dieser Beitrag ist ebenfalls am 19. Juni 2020 auf „Berlin rechtsaussen“, dem Blog des Apabiz, erschienen.

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