Einschätzung zum Rudolf-Heß-Marsch am 18. August 2018

Mehr als 1.000 Neonazis erschienen im vergangenen Jahr in Berlin, jetzt wird für den 18. August 2018 erneut ein Aufmarsch zum Gedenken an Rudolf Heß angekündigt. Der Aufmarsch anlässlich des Jahrestages des Suizids des Hitler-Stellvertreters soll aller Voraussicht nach wieder [1] unter dem Motto „Mord verjährt nicht“ in räumlicher Nähe zum Standort des ehemaligen alliierten Kriegsverbrechergefängnisses durch den Bezirk Spandau führen. Hier finden Sie unsere kurze Einschätzung zu dieser neonazistischen Versammlung.

1.200 aktionsorientierte Neonazis und Mitglieder rechtsextremer Parteien aus dem gesamten Bundesgebiet sowie kleinere Delegationen aus mehreren europäischen Ländern waren 2017 angereist. Weitere 250 Neonazis demonstrierten zudem parallel und „spontan“ in Falkensee (Brandenburg). Auf dem Fronttransparent des Aufmarsches in Spandau prangte das Schlusswort von Rudolf Heß als Angeklagter im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess: „Ich bereue nichts.“[2] Als die Rechtsextremen auf Grund einer zivilgesellschaftlichen Blockade umkehren und auf eine Ausweichroute geleitet werden mussten, griffen gewaltbereite Rechtsextreme aus dem Aufzug heraus Passant_innen, Journalist_innen und Gegendemonstrant_innen an.[3]

Was ist für 2018 zu erwarten?

Für eine konkrete Schätzung der zu erwartenden Teilnehmendenzahlen ist es noch zu früh. Durch die in rechtsextremen Kreisen breit rezipierte Verschwörungserzählung über seine angebliche Ermordung, strahlt die Figur Rudolf Heß aber definitiv eine nicht zu unterschätzende Symbolkraft aus. Regelmäßig marschierte seit 2001 eine bis zu vierstellige Anzahl Neonazis beim jährlichen „Rudolf-Heß-Gedenkmarsch“ durch das bayerische Wunsiedel, wo Heß bis 2011 begraben lag. Ab 2005 wurden die Aufzüge verboten, da sie „die nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft“ verherrlichten und eine Störung des „öffentlichen Friedens in einer die Würde der Opfer verletzenden Weise“ darstellten. [4] Um die Aufzüge dennoch durchführen zu können, wurden sie daraufhin zu anderen Themen und unter anderen Mottos angemeldet.

An diese Praxis versucht die Neonaziszene nun auch in Spandau anzuschließen. Die Mobilisierung zum diesjährigen Aufmarsch hat bereits im April 2018 begonnen. Aufgerufen wird bisher nahezu ausschließlich über die bereits im vergangenen Jahr genutzten Seiten der Organisatorinnen. Die bisherige Verbreitung der Veröffentlichungen lässt erneut auf eine bundesweite Resonanz schließen. So hat beispielsweise der Kreisverband Wuppertal (NRW) der Partei „Die Rechte“ bereits angekündigt, einen Bus nach Berlin zu organisieren. Von weiteren Bussen aus anderen Städten ist auszugehen.

Die Wiederaufnahme der bundesweiten Heß-Märsche kann als Ausdruck einer Rückbesinnung der Neonaziszene auf das zutiefst bindende Identitätsthema der Verherrlichung des Nationalsozialismus gedeutet werden. Ein aus Sicht der Organisatoren als Erfolg darstellbarer Verlauf des Aufmarsches am 18. August, könnte nach Einschätzung der MBR eine neue Tradition regelmäßiger rechtsextremer Großaufmärsche in Berlin begründen.

Alle Informationen zu den geplanten Gegenprotesten finden Sie bei unserem Partnerprojekt Berlin gegen Nazis

[1] Vgl. https://www.mbr-berlin.de/aktuelles/bundesweite-mobilisierung-zu-rechtsextremen-rudolf-hess-marsch-im-august/

[2] https://rechtsaussen.berlin/2017/08/hess-revival-in-berlin/

[3] http://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/18/SchrAnfr/s18-12133.pdf

[4] http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2005/08/qk20050816_1bvq002505.html

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