Empörung nach Artikel im Berliner Kurier über die Biermeile

Der Berliner Kurier veröffentlichte am 1.11.2013 einen offensichtlich schlecht recherchierten Artikel über die Biermeile am Frankfurter Tor, die sich angeblich immer mehr zu einem Treffpunkt von Rechtsextremen entwickeln würde. Die Initiative gegen Rechts und das Register  Friedrichshain-Kreuzberg protestieren mit einem Offenen Brief an den Berliner Kurier gegen die falsche Darstellung.

Nachdem vor einigen Jahren die Biermeile tatsächlich verstärkt von Rechtsextremen besucht wurde, hat der Veranstalter im Schulterschluss mit zivilgesellschaftlichen Einrichtungen wie der Initiative gegen Rechts und der MBR dieser Vereinnahmung den Kampf angesagt. Dieses Engagement hat sehr positive Ergebnisse gezeigt. Von einer negativen Entwicklung, wie im Artikel (hier zum Nachlesen) beschrieben, kann nicht die Rede sein. Wir dokumentieren hier den Offenen Brief:

“Artikel im Berliner Kurier vom 01.11.13
„Nazi-Treff auf der Karl-Marx-Allee / Biermeile: Das Revier der Nazi-Flaschen“

Sehr geehrte Damen und Herren, Journalisten und Journalistinnen vom Berliner Kurier,

mit Verwunderung und Verärgerung haben wir o. g. Artikel gelesen und bei uns diskutiert. Für die daher nicht ganz zeitnahe Rückmeldung möchten wir uns entschuldigen.
Wir freuen uns grundsätzlich, wenn über die Problematik von Nazis in Berlin in den Zeitungen berichtet wird, jedoch können wir den Tenor ihres Artikels absolut nicht nachvollziehen und verstehen. Das Bild das hier von der Biermeile gezeichnet wird entspricht nicht mehr der Realität und lässt völlig außer acht, was zur Bekämpfung der Probleme in den letzten Jahren
von Seiten des Veranstalters, verschiedener Initiativen und dem Bezirksamt ins Rollen gebracht wurde. Damit wollen wir an dieser Stelle nicht behaupten, dass die Biermeile ein nazifreier Ort ist sondern das viele verschiedene Maßnahmen in den letzten Jahren dazu beigetragen haben, Nazis teilweise von der Biermeile zu verdrängen und das offene Tragen von Nazisymbolen einzudämmen.
Uns ist bewusst, dass man nicht verhindern kann, dass Nazis an solchen Großveranstaltungen teilnehmen. Ein wirklich effektives durchgreifen und das Verbannen von Nazis ist schon aufgrund des offenen Zugangs von allen Seiten schlichtweg nicht möglich. Viel wichtiger ist hier eine Sensibilisierung der Veranstalter, Standanbieter, Besucher und Besucherinnen.

Ein kurzer Abriss zu den Entwicklungen der letzten Jahre:
Die Biermeile gab es dieses Jahr zum 17. Mal. Über die Jahre hatte sie sich zu einem großen Anlaufpunkt für Nazis aus Berlin und der Umgebung entwickelt. Große Gruppen von Nazis zeigten mittels ihrer Kleidung und Tattoos, Parolen oder dem
Zeigen des Hitlergußes offen ihre Gesinnung. Jedes Jahr kam es auch zu gewalttätigen Übergriffen, auf der Meile selbst oder im Umfeld. Einigen ist mit Sicherheit die Massenschlägerei 2002 noch in gruseliger Erinnerung geblieben. Das Zuspitzen der Problematik und der Duck von Initiativen und Politikern und Politikerinnen aus dem Bezirk führte zu einem Umdenken des Veranstalters.
Entgegen ihrem Artikel ist die Initiative gegen Rechts (IGR) bereits seit 2006 auf der Biermeile mit einem Infostand vertreten. Dass dies nicht immer nur erfreulich war, kann sich jeder denken. Sogar im letzten Jahr gab es noch einen Angriff auf einen ehrenamtlichen Helfer.
Als nächsten Schritt hat sich der Veranstalter 2010 von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) beraten lassen und es wurde nach einer von der IGR vorbereiteten Anwohnerversammlung daraufhin eine Arbeitsgruppe im Friedrichshainer Bezirksamt gegründet. Gemeinsam mit allen Akteuren wurde eine neue Hausordnung erarbeitet, die u. a.auch das Tragen und Zeigen von rechten Symbolen verbietet. Die Sicherheitskräfte wurden und werden seit dem jedes Jahr aufs neue dar
auf geschult diese zu erkennen und entsprechend zu handeln. Auch die Standbetreiber werdeneinbezogen. Die Hausordnung soll an jedem Stand aushängen und soweit wir das für dieses Jahr beobachtet haben, wurde es auch umgesetzt.
2013 stellte der Veranstalter darüber hinaus zum ersten mal zwei Bühnen für ein antirassistisches Programm zur Verfügung, dass unter anderem mit Künstlern und Künstlerinnen aus dem Bezirk gestaltet wurde. Hier gab es bereits Erfahrungen aus dem Jahr 2009 als die IGR die Hauptbühne mit Weltprogramm bespielte.

Die IGR führt zusammen mit dem Register Friedrichshain-Kreuzberg seit Jahren eine Statistik während ihres Infostandes auf der Biermeile, um zu erfassen, ob die getroffenen Maßnahmen Wirkung zeigen. Gemeinsam mit anderen Helfern und Helferinnen, die darüber hinaus die gesamte Biermeile beobachten, werden Vorfälle jeder Art, ob es nun ein Nazisymbol auf einem Shirt oder eine Schlägerei ist, gesammelt und dokumentiert. Waren das 2010 noch insgesamt 118 Vorfälle so ist die Zahl kontinuierlich gesunken. 2013 waren es „nur“ 36 Vorfälle und erstmalig kein tätlicher Übergriff auf eine Person. Nazis und Rassismus bei Großveranstaltung und auch auf der Biermeile sind weiterhin ein Problem. Eine Patentlösung kann und wird es nicht geben, sondern nur verschiedene Maßnahmen die ergriffen werden können, um ihnen den Besuch eines solchen Festivals unangenehm zu machen und zu zeigen, dass sie nicht erwünscht sind. Dies beinhaltet das Problem zu erkennen und sich offen gegen Nazis und rechtes Gedankengut zu positionieren. Es beinhaltet aber auch eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Thematik und eine Darstellung eines realistischen Bildes in der Öffentlichkeit. Uns ist an dieser Stelle wichtig deutlich zu machen, dass obwohl noch ein Problem mit Nazis auf der Biermeile besteht, vom Veranstalter und vielen Akteuren gemeinsam Maßnahmen ergriffen wurden, um dies zu ändern und das auch mit Erfolg. Dies muss anerkannt werden da es leider noch nicht selbstverständlich ist, dass Veranstalter bereit sind die Probleme mit Nazis anzugehen. Zu oft stehen noch rein wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Wir hoffen, dass das Engagement der Präsenta GmbH als Beispiel für weitere Großveranstaltungen dient. (Festivalordnung 2013)
Mit freundlichen Grüßen
Initiative gegen Rechts / Register Friedrichshain-Kreuzberg”

nach oben
Print Friendly, PDF & Email