Aktualisierte Einschätzung zum möglichen „Heßmarsch“ (Stand: 12.08.2019)

Im dritten Jahr in Folge könnte es einen rechtsextremen „Heßmarsch“ in Berlin geben. Eine Aufmarschanmeldung wird jedoch täglich unwahrscheinlicher. Anlass ist der 32. Todestag des verurteilten NS-Kriegsverbrechers Rudolf Heß, der am 17. August 1987 in einem Gefängnis in der Spandauer Wilhelmstadt Selbstmord begangen hatte. In vielen Berliner Bezirken laufen seit Monaten Vorbereitungen für Gegenproteste, um die Schaffung einer Tradition von Aufmärschen zum Zweck der NS-Verherrlichung in Berlin zu verhindern.

(Foto: Boillot/MBR)

Was findet voraussichtlich am 17. August in Berlin statt?
Am Samstag, den 17. August 2019 plant die rechtsextreme Szene möglicherweise wie in den Jahren 2017 und 2018 einen Aufmarsch in Berlin. Anlass ist der Jahrestag der Selbsttötung von Hitlers ehemaligem Stellvertreter Rudolf Heß. Bereits 2017 waren zum 30. Todestag ca. 1.200 aktionsorientierte Neonazis und Mitglieder rechtsextremer Parteien bundesweit nach Berlin gereist. 2018 marschierten ca. 750 Neonazis auf einer kurzfristig angemeldeten Ausweichroute durch Friedrichshain und Lichtenberg statt in Spandau.

Bisher liegt für dieses Jahr allerdings weiterhin weder eine Anmeldung noch eine öffentliche Ankündigung der Organisatoren für einen Aufmarsch vor. Seit Mitte Juli bewirbt der Landesverband Südwest der rechtsextremen Kleinstpartei Die Rechte einen „Heßmarsch“ am 17.August 2019 im rheinland-pfälzischen Ingelheim unter dem bisher in Berlin genutzten Motto „Mord verjährt nicht“. Aus diesem Aufmarsch in Ingelheim kann allerdings nicht direkt geschlossen werden, dass keine kurzfristige Anmeldung für einen „Heßmarsch“ in Berlin mehr erfolgen wird. Es muss zwar davon ausgegangen werden, dass die in den Vorjahren beteiligten Rechtsextremen auch kurzfristig dazu in der Lage wären, eine größere Anzahl von Teilnehmenden zu mobilisieren, eine Aufmarschanmeldung wird jedoch täglich unwahrscheinlicher. Wenn doch noch ein Aufmarsch auch 2019 in Berlin stattfindet oder spontane unangemeldete Aktionen von Rechtsextremen im Stadtgebiet durchgeführt werden, könnte mit einer niedrigen dreistelligen Zahl von Rechtsextremen gerechnet werden.

Hintergrund: Wer war Rudolf Heß und warum wird er von der rechtsextremen Szene verehrt?
Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß saß 46 Jahre im Kriegsverbrechergefängnis in Spandau. Weite Teile der rechtsextremen Szene sehen in ihm einen Helden und Märtyrer, da er auch nach Kriegsende dem NS-Regime die Treue hielt. In seinem Schlusswort im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess sagte er: „Ich bereue nichts. Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln wie ich handelte (…)“. Heß erhängte sich am 17. August 1987 in seiner Spandauer Zelle.
Seitdem hat dieses Datum in der rechtsextremen Szene einen enormen Stellenwert. Fast jede populäre Rechtsrock-Band besingt den Mythos Heß, es gibt keine Person in der Neonazi-Szene, die ihn nicht kennt. Seit 2001 marschierte regelmäßig eine bis zu vierstellige Anzahl Neonazis beim jährlichen „Rudolf-Heß-Gedenkmarsch“ durch das bayrische Wunsiedel, wo Heß begraben lag.
Ab 2005 wurden die Aufzüge als Verherrlichung des Nationalsozialismus verboten. Seitdem versuchen die rechtextremen Veranstalter, das Gedenken unter anderen Themen oder abgewandeltem Motto anzumelden: In 2017/18 liefen die Aufmärsche deshalb unter der Forderung „Mord verjährt nicht – Gebt die Akten frei“ und bezogen sich dabei gleichzeitig auf die in rechtsextremen Kreisen verbreitete Verschwörungserzählung, Heß sei ermordet worden und entsprechende Beweise seien bis heute unter Verschluss. Die beiden Aufmärsche könnten nach Einschätzung der MBR eine neue Tradition regelmäßiger rechtsextremer Großaufmärsche in Berlin begründen.

Hier geht’s zu den Einschätzungen der MBR zum „Heßmarsch“ aus den Jahren 2017 und 2018.

Alle Informationen zu den geplanten Gegenprotesten am 17. August 2019 finden Sie bei unserem Partnerprojekt Berlin gegen Nazis.

 

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