Pressemitteilung des MBT Hessen vom 17.06.2019

Fall Lübcke: Das Mobile Beratungsteam Hessen (MBT Hessen) hat eine Pressemitteilung zur Festnahme des Tatverdächtigten Stephan E. aus Kassel veröffentlicht und gibt eine Einschätzung zur rechtsextremen Szene in Kassel und Umgebung.

Nach dem gewaltsamen Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walther Lübcke in der Nacht auf den 2. Juni, kommt es bei uns immer wieder zu Presseanfragen, mit der Bitte nach einer Einschätzung zur rechtsextremen Szene in Nordhessen und potentiellen Bezügen zu der Tat. Im Folgenden möchten wir als Beratungsstelle eine kurze Einschätzung zur rechtsextremen Szene in Kassel und Umgebung geben.

Seit der Aufnahme unserer Beratungsarbeit in Kassel, haben wir immer wieder wegen militanter und überregional gut vernetzen Neonazi-Strukturen zu tun gehabt.

An erster Stelle möchten wir hier auf den Mord an Halit Yozgat, am 6. April 2006 hinweisen und wir gehen davon aus, dass es ein NSU-Unterstützungsnetzwerk gab. Mittlerweile gibt es sehr gut recherchierte und öffentlich zugängliche Recherchen zum militanten Kern des international agierenden Neonazi-Netzwerkes „Blood & Honor“[2]. Diese gewaltbereite und klandestin organsierte Struktur nennt sich Combat 18, die sich im Jahr „2012 unter der Parole „Reunion 28“ neu aufstellte“[3]. Ihren Ursprung hatte diese Struktur aber bereits Anfang der 1990er Jahre in England mit Kontakten zur militanten Neonazi-Szene in Deutschland, einer gut vernetzen Struktur[4]. An dieser Stelle berufen wir uns auf die Berichte und Recherchen von kritischen Journalist*innen und Recherchezusammenhängen von „Exif-Recherche“ (https://exif-recherche.org), die bereits im Sommer 2018 in einem umfassenden Papier die Dimensionen des militanten rechtsextremen C-18 Netzwerkes beleuchtet und eingeordnet haben. Aus Nordhessen ist insbesondere Stanley R. aus Kaufungen in die Schlagzeilen geraten, der Anfang 2019 nach einer Razzia in seinem Wohnhaus wegen Mitgliedschaft im Verbotenen „Blood and Honor“ Netzwerk in Untersuchungshaft gekommen ist.[5]

In den letzten 15 Jahren gab und gibt es in Nordhessen eine aktive rechtsextreme Szene, wenngleich ihr Auftreten in der Öffentlichkeit sich in den letzten Jahren stark gewandelt hat.

Es gibt in Nordhessen sowohl rechte Hooligans[6] als auch eine rechte Rockerszene[7]. Im Jahr 2015 hat sich auch in Kassel ein Pegida-Ableger gebildet (KagidA), zu dem Montags ein sehr breites Spektrum der extremen Rechten erschienen ist. Von Protagonist*innen von HOGESA, bis zu Mitgliedern der NPD war das breite und heterogene Spektrum der extremen Rechten aus Nordhessen, Südniedersachsen und aus dem Eichsfeld in Thüringen eine Weile lang anwesend.[8]

Auch Kameradschaftsstrukturen waren in Nordhessen aktiv. Der „Freie Widerstand Kassel“, „Freie Kräfte Schwalm-Eder“ oder die Kameradschaft „Sturm 18“. In allen genannten sind Mitglieder durch politisch motivierte Straftaten bekannt.

Die NPD in Nordhessen ist bereits seit mehreren Jahren nicht mehr von Bedeutung. Allerdings hat die Partei auch nach dem gescheiterten Verbotsverfahren im Jahr 2003 sich intensiver und offen der militanten Neonazi-Szene geöffnet. So fühlte sich auch damals der Neonazi Thorsten Heise von der Partei angezogen. Unweit des nordhessischen Werra-Meißner-Kreises, im thüringischen Eichsfeld, kaufte er sich damals ein großes Anwesen mitten im Dorfkern. Heise ist mehrfach vorbestraft und Organisator von zahlreichen Rechtsrockveranstaltungen, sowie Kontaktmann und Bindeglied zur international agierenden militanten „Blood and Honor“ Netzwerkes.

Stephan E. ist, nach exif-recherche.org, seit Anfang der 2000er bekannt. Er soll im Kreis des „Freien Widerstandes Kassel“, sowie der „Oidoxie Strettfighting Crew“, „die damals vorgab das deutsche «Combat 18» zu repräsentieren“[9], vernetzt gewesen sein.

Am 1. Mai 2009 reiste Stephan E. „zusammen mit sechs weiteren Neonazis aus der Kasseler Neonazi-Szene nach Dortmund […] und beteiligte sich an einem Angriff auf die DGB-Demonstration. Dabei wurde er festgenommen.“[10]

Kirsten Neumann vom Mobilen Beratungsteam aus Kassel konstatiert: „Dass es seit Jahren militante Netzwerke von gewaltbereiten Neonazis gibt, bestätigt sich dann leider immer wieder, wenn Menschen angegriffen werden oder zu Tode kommen. Das darf nicht so weitergehen. Es ist unsere Aufgabe, immer wachsam zu sein und uns mit insbesondere denjenigen, die von Neonazis angegriffen werden, zu solidarisieren und sie nicht alleine zu lassen. Das können wir alle tun.“

 

[1] https://www.tagesspiegel.de/politik/tatverdaechtiger-ist-rechtsextremist-bundesanwalt-uebernimmt-mordfall-luebcke/24463444.html [Zugriff: 17.06.2019]

[2] Zur weiteren Info, siehe: www.belltower.news/was-steckt-hinter-blood-honour-28590/

[3] www.lotta-magazin.de/ausgabe/71/organisation-und-internationales-netzwerk

[4] Ebda.

[5] Siehe auch: https://www.fr.de/politik/ermittlungen-gegen-blood-honour-dauern-11487136.html [Zugriff, 17.06.2019]

[6] Siehe: www.hna.de/kassel/ksv-fans-fordern-demokratie-1579401.html

[7] www.fr.de/rhein-main/facebook-org26917/rechtsextreme-rocker-rotlicht-11042300.html

[8] www.germandailynews.com/bericht-49135/die-gida-proteste-in-kassel-eine-expertise-des-mbt-hessen.html

[9] exif-recherche.org

[10] Ebda.

 

 

 

nach oben
Print Friendly, PDF & Email