RIAS-Bericht: Antisemitische Angriffe auf die Erinnerungskultur. MBR-Broschüre gibt Tipps für den Umgang mit Angriffen von rechts.

Eine Stele des Denkmals für die ermordeten Juden Europas wird als Zeichen der Solidarität mit dem Attentäter des rechtsextremen Terroranschlags in Halle (Saale) beschmiert. Während der Gedenkdemonstration zum Jahrestag der nationalsozialistischen Novemberpogrome in Moabit pöbelt ein Zuschauer die Demonstrationsteilnehmenden an und setzt dabei die Politik Israels mit NS-Verbrechen gleich. In seiner Rede vor der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln bezieht sich ein AfD-Verordneter auf Martin Walsers Ansprache zum Holocaust-Gedenktag 1998 und spricht von Auschwitz als „Einschüchterungsmittel“ sowie von „einer Instrumentalisierung für gegenwärtige Zwecke“.

Dies sind nur drei Beispiele für antisemitische Vorfälle mit einem Bezug zu Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, die in dem Jahresbericht 2019 (PDF-Download: tiny.cc/RIASBe2019) der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) genannt werden. Laut RIAS gab es in Berlin im vergangenen Jahr 21 Fälle von gezielten Sachbeschädigungen an Stolpersteinen für jüdische Opfer des Nationalsozialismus und anderen Erinnerungszeichen und -orten für die Opfer der Schoah, wie etwa Gedenkstätten und Gedenktafeln. Demnach waren fast drei Viertel aller gezielten Sachbeschädigungen mit antisemitischem Hintergrund ein Ausdruck von Erinnerungsabwehr oder anderen Motiven des Post-Schoah-Antisemitismus. Dabei wurden insgesamt 29 % aller antisemitischen Vorfälle von Täter_innen aus dem rechtsextremen Milieu begangen. Insgesamt kommen die Autor_innen des RIAS-Jahresbericht 2019 zu dem Ergebnis, dass die Ablehnung der Erinnerung an die Schoah und die positive Bezugnahme auf den Nationalsozialismus die häufigste Erscheinungsform des Antisemitismus in Berlin ist.

Diese Entwicklungen entsprechen den Beratungserfahrungen der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR). Seit einiger Zeit beobachtet die MBR eine regelrechte Welle von Angriffen rechtsextremer und rechtspopulistischer Akteur_innen auf die Gedenk- und Geschichtskultur in Deutschland. Diese reichen von rechtsextremen und geschichtsrevisionistischen Äußerungen von Besucher_innen über antisemitische Gästebucheinträge und rechte Shitstorms in den sozialen Medien bis hin zu gezielten Provokationen und Störungen von Veranstaltungen.

Vor diesem Hintergrund hat die MBR in den letzten zwei Jahren eine steigende Anzahl von Anfragen aus Gedenkstätten und Museen erhalten. Auf der Grundlage dieser Beratungserfahrungen hat die MBR im Februar 2020 die Broschüre „Nur Schnee von gestern? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts in Gedenkstätten und Museen“ veröffentlicht, um die Akteur_innen vor Ort bei der Auseinandersetzung mit diesen Herausforderungen und der Entwicklung eigener Handlungsstrategien zu unterstützen. Die 45-seitige Handreichung stellt die zentralen geschichtspolitischen Narrative von rechts vor, beschreibt die Herausforderungen für eine demokratische Erinnerungskultur und gibt Tipps und Praxisbeispiele für den Umgang mit rechtsextremen und rechtspopulistischen Störversuchen bei Führungen, öffentlichen Provokationen und parlamentarischen Anfragen.

Die MBR-Broschüre „Nur Schnee von gestern? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts in Gedenkstätten und Museen“ finden Sie als PDF-Download hier.

Printexemplare können bestellt werden über: presse@mbr-berlin.de

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